Interview mit Leon Sachs - Tipps für Ihren Aufenthalt in Nouvelle-Aquitaine

Leon Sachs lebt und arbeitet in Köln - doch eine französische Region hat es ihm ganz besonders angetan: Nouvelle-Aquitaine. Hier seine Tipps und Lieblingsorte.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in der Region Nouvelle-Aquitaine?

Es ist kein wirklicher Geheimtipp, denn jeder Weinliebhaber kennt wohl das Chateau Margaux. Ich kann trotzdem nicht anders, als dort jedes Mal vorbeizufahren, wenn ich in der Region bin. Es ist weniger der Wein, der in sich schon die vollmundige Geschichte der Region erzählt, als die Gerüche, die über das Weingut wehen und so viele Geschichten in sich tragen. Für mich verkörpert Margaux eine Liebe zur Natur, zu einem filigranen Handwerk und zur kulinarischen Leidenschaft der Menschen, die Liebe zu einer uralten Kunst, die für eine tiefe Sehnsucht nach Muße und Tiefgang steht.

Was sollten Besucher, die zum ersten Mal in Nouvelle-Aquitaine sind, auf jeden Fall sehen?

Jedem, der Zeit in Bordeaux verbringt, möchte ich gerne einen Besuch in der Großen Synagoge in der rue du Grand Rabbin Joseph Cohen empfehlen. Ich durfte schon einige Synagogen von innen erleben, mein Herz aber habe ich an diese sefardische, orientalische Synagoge verloren. Viele Menschen trauen sich nicht zu läuten, wenn sie vor einer Synagoge stehen, weil sie am Eingang einen Sicherheitscheck absolvieren müssen. Ich möchte aber dazu aufrufen: Nur zu, wagt es und lasst euch überraschen!

Ihre regionales Lieblingsrestaurant?

Schauen Sie doch mal in der Brasserie L’Embellie in Listrac Médoc vorbei! Wer eine schöne Terrasse sucht, dazu ein Glas Wein und ausgezeichnetes Essen aus der Region, wird hier fündig. Oder setzen Sie sich an kälteren Tagen einfach mit einem Merlot an die holzvertäfelte Bar, studieren Sie die Etiketten der hunderten Flaschen im Regal und lassen Sie sich vom Barkeeper die Geheimnisse hinter den einzelnen Regionen des Bordelais erklären.

Ihr Lieblingsspaziergang in der Region?

Den Spaziergang, an den ich mich am lebhaftesten erinnere, habe ich im Auto unternommen. Zu Fuß wäre es zu weit gewesen, denn es war eine Rundreise durch Frankreich, die mich das erste Mal dorthin geführt hat. Ich kam mit einem Campervan aus Toulouse von der Südküste, fuhr über Nebenstraße an Agen vorbei in Richtung Bordeaux und bin dort in die Weinberge abgetaucht. Ein wahrhaftiger Ritt mit einem solch klobigen Ding, da die Straßen plötzlich schmaler, gewundener und die Städtchen und Orte immer kleiner werden. Ich würde die Reise immer wieder machen. Später bin ich über Cognac und Parthenay in Richtung der Loire weitergefahren. Immer mit zu wenig Zeit im Gepäck und damals, 2006, auch noch ohne die Möglichkeit, die Momente mit dem Smartphone festzuhalten. Vielleicht war das aber mein Glück. So habe ich die Tage, die Wege, die Orte viel bewusster erlebt, nicht so flüchtig wie über den Bildschirm eines Telefons.

Die Region in 5 Sinnen

Die sommersonnige, überraschend feuchte, grüngelbe Hitze, die im Juli über den Feldern und Weinbergen wabert. Der Saft der Brombeere, der sich langsam über der Zunge ergießt, wenn man einen Pavillon Rouge degustiert. Der Blick hindurch zwischen den wie an Perlenketten aufgereihten Weinreben, die mit symmetrischer Präzision angelegt jeden Partikel aus den nährstoffreichen Böden aufsaugen. Das Rauschen des Windes, der die Zypressen in Schwingung versetzt, die so viele Straßen im Bordelais säumen. Die angenehme Kühle und Leichtigkeit meines Kugelschreibers, wenn ich ihn zwischen den Fingern spüre, um meine Eindrücke festzuhalten.

Was sind Ihre zukünftigen Projekte? Spielen sie auch in Frankreich?

Ich habe gerade mit der Recherche für eine neue Geschichte mit meinem Charakter Liam York aus „Eleven“ begonnen. Der Thriller wird teilweise in Hamburg spielen, auch Brüssel und London werden eine Rolle spielen. Und dann noch die winzig kleine Insel Alderney. Sie liegt im Ärmelkanal direkt vor der französischen Küste, gehört aber weder zu Frankreich noch zu Großbritannien. Sie ist direkt der britischen Krone unterstellt. Insofern werde ich dort Frankreich ganz nah sein und bin schon sehr gespannt, was ich auf Alderney entdecken werde, wo einst der Schriftsteller T.H. White gelebt hat. Die Anreise wird mich allerdings durch Hauts-de-France und die Normandie führen. Die perfekte Gelegenheit, ein paar zusätzliche Tage an die Reise dranzuhängen.

Ihr Debüt „Falsche Haut“ spielte in Frankreich, „Eleven“ in Großbritannien, Ihr neuester Thriller „Mein ist die Macht“ in größtenteils Deutschland. Gehen Sie auch literarisch gerne auf Reisen?

Inhaltlich und örtlich, natürlich. Reisen öffnen uns neue Orte, nicht nur geografisch, sondern auch in uns selbst. Wir entdecken einen anderen Teil unseres Seins, wenn wir reisen oder lesen. Unterwegs zu sein befördert uns genauso wie die Literatur in eine andere Welt. Deswegen empfand ich es als große Bereicherung für mich, meine Bücher in den Ländern spielen lassen zu können, in denen ich schon gelebt habe. Frankreich, England, Deutschland. Wer weiß, wo es als nächstes hingeht. Eines kann ich sicher sagen: Nach Frankreich werde ich immer wieder zurückkehren – in der Wirklichkeit wie auch in der Literatur.

Gibt es für Ihre Figuren reale Vorbilder?

Ich mag ja die Formulierung „Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.“ Dieser Passus steht auch in meinen Thrillern. Aber manche Menschen behaupten: „Es gibt keine Zufälle.“ Spätestens, wenn Sie „Mein ist die Macht“ lesen, sollte ich dazu lieber schweigen. (lacht)

Ein Ort bei schlechtem Wetter?

Die Küste. Egal wo. Regen? Wind? Kälte? Gut eingepackt gibt es in einem solchen Augenblick kaum einen befreienderen Ort als einen Strand, an dem die wilde See tobt, das Wasser schäumt vor Wut, der Sand unter dem festen Schuhwerk nachgibt und sich doch an die Sohlen klammert wie der Sog, der alle negativen Gedanken ergreift, festhält und auf das weite Meer hinausträgt.

Nouvelle-Aquitaine