„Reise mit einem Esel durch die Cevennen“ auf dem Stevensonweg (GR 70)

  • Mit dem Esel durch die Cevennen.

    Mit dem Esel durch die Cevennen.

    © Atout France - Jean−Claude Figenwald

„Reise mit einem Esel durch die Cevennen“ auf dem Stevensonweg (GR 70) Le-Monastier-sur-Gazeille fr

Im Jahre 1878 machte sich der schottische Autor Robert Louis Stevenson, welcher später vor allem durch seine Romane „Die Schatzinsel“ sowie „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mister Hyde“ zu weltweiter Berühmtheit gelangte, mit seinen 28 Jahren auf eine 12-tägige Abenteuerreise durch die französische Cevennen-Landschaft mit ihren faszinierenden Hügelsilhouetten. Die Suche nach schriftstellerischer Inspiration und einem klaren Kopf sowie Liebeskummer trieben ihn mit seiner treuen Begleiterin, der Packeselin Modestine, 227 Kilometer von Le Monastier-sur-Gazeille bis nach Saint-Jean-du-Gard.

Dank der 1993 vorgenommenen Markierung des Weges mit weiß-roten Doppelstreifen können Jung und Alt Stevensons Spuren zu Fuß mit oder ohne Esel, auf dem Rücken eines Pferdes oder auch mit dem Mountainbike folgen. Um die familienfreundliche und weitgehend gefahrenfreie Wanderroute per Bahn oder Flugzeug über Paris direkt zum Flughafen Loudes erreichbarer zu gestalten, erfuhr sie zwischen Le Puy-en-Velay in der Auvergne und Alès im Languedoc-Roussillon eine Erweiterung auf 252 Kilometer. Auf insgesamt fast 20 stimmungsvollen Etappen durchquert man das rurale Frankreich fernab von hektischem Großstadttrubel über bunte Wiesenwege, einsame Waldpfade, wildromantische Kiefern- und Eichenwälder sowie betörende Düfte verströmende Ginster- und Heidelandschaften. Getreu Stevensons Motto „Ich reise nicht, um an einen Ort zu gelangen, sondern um des Reisens Willen“ ist auch hier der Weg das Ziel.

Ausgangspunkt der Wanderreise bildet das verträumte Städtchen Le Puy-en-Velay, welches in seiner zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten Kathedrale eine mystische Schwarze Madonna beherbergt. Um sich mit dem Namensgeber des Sevensonweges gleich zu Beginn der Tour ein wenig vertrauter zu machen, empfiehlt sich der Besuch einer kleinen Ausstellung im städtischen Museum von Le Monastier-sur-Gazeille. Über weitläufige Vulkanplateaus und bewaldete Vulkankegel hinab in tiefe Schluchten mit lauschigen Schieferdörfchen führt die Wanderroute zu den schroffen Hochebenen des Gévaudan, in dem man sich noch heute Geschichten von einer sagenumwobenen Bestie erzählt, die im 18. Jahrhundert für Schrecken und Unheil gesorgt haben soll.

Wer des Wanderns zu Fuß bereits überdrüssig ist, der hat zwischen Pradelles und Langogne die Gelegenheit, auf fünf Kilometern durch Tunnel und über Viadukte die vulkanische Hochebene des Devès mittels Fahrraddraisine zu erkunden. Etwa auf halber Strecke lohnt ein kleiner Umweg über die idyllisch gelegene Zisterzienserabtei Notre Dame des Neiges in der Nähe von Saint-Laurent-les-Bains, welche nicht nur Wanderer beherbergt, sondern auch mit klösterlichen Brau- und Kelterkünsten aufwarten kann.

Über die steppenartigen Hochebenen des Mont Lozère-Massivs erklimmt man den 1.699 Meter hohen Sommet de Finiels, der einen ausufernden Blick über die mit Kastanienhainen und Weinreben geschmückten Flächen der Cevennen offenbart. Zwar umgibt diese Landschaft heutzutage eine friedvolle Aura, doch im 17. und 18. Jahrhundert tobten hier unerbittliche Kämpfe zwischen den absolutistischen Mannen von Ludwig XIV. und den protestantischen Kamisarden. Wer die letzte, recht anspruchsvolle Etappe des Stevensonweges von Saint-Jean-du-Gard bis ins mediterrane und industriell geprägte Städtchen Alès umgehen möchte, für den bietet sich als krönender Abschluss eine Fahrt mit einer historischen Dampflokomotive durch das gewundene Tal des Gardon bis nach Anduze an.

Wanderlust entlang des Stevensonweges (GR 70) – was es zu beachten gilt

Wandergesellen sollten für eine eingehende Erkundung des Stevensonweges ungefähr zwei Wochen einplanen. Entschließt man sich dazu, die Wanderung in Begleitung eines Esels in Angriff zu nehmen, dann gilt es zu bedenken, dass diese gemächlichen Tiere maximal drei bis vier Kilometer pro Stunde zurücklegen und höchstens 40 Kilogramm Gepäck schultern können. Eselvermietungen und Gepäcktransfers lassen sich an verschiedenen Wegpunkten finden bzw. organisieren.

Auch wenn der Stevensonweg von Mitte April bis Anfang Oktober jederzeit uneingeschränkt erwandert werden kann, so ist vor allem in der Ferienzeit im Juli und August mit einem erhöhten Wanderaufkommen zu rechnen. Ihren außerordentlichen floralen Reiz offenbaren die Cevennen vor allem in den Monaten Mai und Juni, wenn Narzissen im Gévaudan, gelber Ginster rund um den Mont Lozère sowie Wildblumen und Orchideen auf den sattgrünen Wiesen der einsamen Hochebenen in voller Blüte stehen. In den Monaten September und Oktober wird schließlich ein rot-gelb-braunes Blättermeer in das warme Licht der tiefstehenden Herbstsonne getaucht. Vor allem in der Hochsaison ist eine vorherige Reservierung in allen Unterkünften ratsam. Viele Herbergen bieten zudem mitgeführten Eseln für durchschnittlich 5 € pro Nacht einen Schlafplatz und Futter. Campingadepten sollten beachten, dass wildes Campen in ganz Frankreich verboten ist; für etwa 10-15 € pro Nacht findet man am Wegesrand mehrere offizielle Campingplätze.

Auf der Homepage des offiziellen Vereins Sur le chemin de R.L. Stevenson steht auf Deutsch eine übersichtliche und ausführliche Broschüre mit zahlreichen Adressen und Tipps zum Download bereit. Zusätzliche Insiderinformationen im Hinblick auf eine detaillierte Streckenplanung finden sich für knapp 13 € im Outdoor-Wanderführer „Cevennen – Stevensonweg GR 70“. Ebenfalls zu empfehlen ist der in französischer Sprache erhältliche offizielle TopoGuide des französischen Wanderverbandes für etwa 15 €.

Sehenswert